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# Die Rückabwicklung der Nachhaltigkeitskompetenz
- URL: https://sustainability-skills.academy/rueckabwicklung-der-nachhaltigkeitskompetenz/
- Published: 2026-09-15T08:30:27.000Z
- Updated: 2026-09-15T08:30:26.000Z
- Description: Warum die Wirtschaft die Fachkräfte, die sie künftig am dringendsten braucht, gerade abbaut.
- Author: Roman Mesicek
- Tags: Analyse

> *Eine gekürzte Fassung dieses Textes ist am 9\. September 2026 als Standpunkt im* [*ESG.Table von Table.Briefings*](https://table.media/esg/standpunkt/die-rueckabwicklung-der-nachhaltigkeitskompetenz?ref=sustainability-skills.academy) *erschienen. Hier erscheint die vollständige Fassung mit allen Quellenangaben.*

Der Umbau ist längst beschlossen. Wie dringend er ist, zeigt dieser Sommer gerade: wochenlange Hitze mit über 40 Grad in weiten Teilen Europas. Allein in Österreich fielen im Juni an mehr als der Hälfte der Wetterstationen die bisherigen Juni-Höchstmarken (GeoSphere Austria, 2026). Um gegenzusteuern, hat die EU im Europäischen Klimagesetz Klimaneutralität bis 2050 und ein Minus von 55 Prozent bei den Treibhausgasemissionen bis 2030 gegenüber dem Stand von 1990 verankert (Europäische Union, 2021). Dahinter steht eine Umstellung von Energieversorgung, Produktion, Gebäuden und Lieferketten, die Jahrzehnte dauert und in jeder Branche Menschen braucht, die sie planen, umsetzen und verhandeln können. Der Arbeitsmarkt zeigt diesen Bedarf schon eine Weile auf: Laut dem Green Jobmonitor der Bertelsmann Stiftung (2026) enthielt 2019 in Deutschland jede fünfte Stellenausschreibung einen Bezug zur Green Economy, 2025 ist es jede dritte gewesen.

Trotzdem bauen europäische Konzerne gerade ihre Nachhaltigkeitsabteilungen ab. Einschlägige Studiengänge melden sinkende Anmeldezahlen, Weiterbildungsprogramme verlieren Teilnehmende. Und das, während der *Global Green Skills Report* vorrechnet, dass bis 2050 weltweit für jede zweite ausgeschriebene Stelle das benötigte *Green Talent* fehlen wird (LinkedIn Economic Graph, 2025).

Es ist eine Rückkehr zu alten Mustern. Und dieser Widerspruch löst sich erst auf, wenn man genauer hinsieht, wofür in den vergangenen Jahren Kompetenz aufgebaut wurde. Überwiegend für das Erfüllen der Berichtspflichten und nicht für die Transformation. Transformation heißt dabei nicht, bessere Berichte zu schreiben, sondern das Kerngeschäft umzubauen: raus aus fossiler Energie, andere Produkte, andere Prozesse, andere Investitionsentscheidungen. Jetzt fällt die Pflicht, und die Unternehmen bauen ab, als wäre damit auch diese Aufgabe verschwunden. Nur: Die ökologischen und sozialen Herausforderungen bestehen unverändert. Was gerade passiert, kennt die europäische Nachhaltigkeitspraxis seit zwei Jahrzehnten, mit einer kurzen Ausnahme dazwischen.

## Zwei Jahrzehnte Nebenrolle

Nachhaltigkeitsmanagement war in europäischen Unternehmen fast zwei Jahrzehnte lang eine Stabsrolle. Angesiedelt beim Umweltbeauftragten, in der Kommunikationsabteilung, gelegentlich bei Investor Relations. Selten dort, wo Entscheidungen fallen und Ressourcen verteilt werden. Eine Längsschnittuntersuchung von Strategy& / PwC (2022), die 1.640 börsennotierte Unternehmen zwischen 2011 und 2021 analysierte, zeigte: Noch 2016 gehörten nur neun Prozent der neu berufenen Nachhaltigkeitsverantwortlichen der C-Suite an. Selbst 2021, auf dem Höhepunkt des Booms, war es mit 28 Prozent erst gut ein Viertel. Nebenrolle heißt Nebenbudget, und das heißt keine substanzielle Personalpipeline.

Die Nebenrolle zeigte sich nicht nur im Organigramm. Auch die Konzepte selbst wurden entkernt. John Elkington, der 1994 mit der *Triple Bottom Line* die Idee geprägt hatte, Unternehmen an ihren ökologischen und sozialen Ergebnissen ebenso zu messen wie an den finanziellen, zog 2018 im *Harvard Business Review* Bilanz. Sein Titel wählte er ungewöhnlich klar: *25 years ago I coined the phrase „triple bottom line“. Here’s why it’s time to rethink it* (Elkington, 2018). Sein Vorwurf: Die Wirtschaft habe das Konzept zu einem Accounting-Tool umgebaut, statt es zur Transformation zu nutzen. Akademische Kritik hatte das schon zuvor formuliert. Zwei Beispiele: Banerjee (2008) beschrieb Corporate Social Responsibility als Symbolpolitik; Milne und Gray (2013) fragten *W(h)ither Ecology?*: wohin mit der Ökologie in der Rechnungslegung. Beide Diagnosen liefen auf denselben Punkt: Nachhaltigkeit war deklariert, nicht integriert.

## Die kurze Hochphase: 2020 bis 2024

Zwischen 2020 und 2024 änderte sich das. Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und die Lieferkettenrichtlinie (CSDDD) der EU erzeugten in der Wirtschaft erstmals eine strukturelle Nachfrage nach Nachhaltigkeitskompetenz, die sich in Personalzahlen niederschlug. Allein 2021 wurden mehr Chief Sustainability Officers neu berufen als in den fünf Jahren davor zusammen (Strategy& / PwC, 2022). Tausende Unternehmen in Österreich und Deutschland bereiteten sich auf die Berichtspflicht vor. Studiengänge wurden aufgelegt, Weiterbildungen boomten, Gehälter stiegen. Getragen war dieser Aufbau allerdings fast ausschließlich von der Regulierung, kaum von der Transformationsaufgabe selbst.

Doch schon in diesen Jahren zeigten sich Erschöpfungssymptome. Der *Sustainability People Report* dokumentierte in einer Befragung von Nachhaltigkeitsmanager\*innen: Rund 72 Prozent berichteten von einer steigenden Arbeitslast, 38 Prozent fühlten sich überfordert (The Sustainability People Company, EY & Haufe, 2024). Die neu geschaffenen Stellen trugen das Volumen von drei Positionen zugleich: Reporting, Strategie und Change. Und die Hochphase erschöpfte sich, bevor sie strukturell verankert war.

## Nicht Vereinfachung, sondern Rückbau

Was folgte, war keine graduelle Konsolidierung.

Der Draghi-Report zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit (Draghi, 2024) und der Letta-Report zur Binnenmarkt-Vertiefung (Letta, 2024) rahmten Nachhaltigkeitsregulierung neu: nicht als Standortvorteil, sondern als Belastung. Im Februar 2025 legte die Europäische Kommission das Omnibus-Paket vor; der Rat unterzeichnete die Richtlinie ein Jahr später. Die Zahl der Unternehmen, die der CSRD-Berichtspflicht unterliegen, wurde EU-weit um rund 90 Prozent reduziert (Council of the European Union, 2026). Von den rund 2.000 Unternehmen, die in Österreich berichtspflichtig werden sollten, bleiben etwa 120; in Deutschland schrumpft der Kreis von rund 15.000 im selben Verhältnis. Gestrichen wurde damit die Pflicht zu berichten. Die Ziele, über deren Erreichung berichtet werden sollte, hat jedoch niemand gestrichen.

Parallel dazu verkleinerten Konzerne ihre Nachhaltigkeitsteams. Vier Beispiele: ABN AMRO strich 67 Stellen im 400-köpfigen Sustainability-Team (NL Times, 2025). UBS soll laut mehreren Medienberichten sein Sustainability-Team deutlich verkleinert haben. Zendesk löste die Position des Director of Sustainability auf (Trellis, 2025a). Und bei Unilever schied Chief Sustainability Officer Rebecca Marmot 2025 aus; ihr Nachfolger Michael Stewart integriert die Nachhaltigkeitsfunktion in eine neu geschaffene, kombinierte Corporate-Affairs-Rolle (Trellis, 2025b). Eine Vollerhebung zu diesen Umbauten gibt es noch nicht. Ein Muster ist allerdings schon zu erkennen.

Damit fällt das Nachhaltigkeitsmanagement dorthin zurück, wo es zwanzig Jahre lang stand: in die Stabsstelle, wo „schon wer mitmacht“.

## Die Ausbildung zieht nach

Was in den Boomjahren aufgebaut wurde, wird jetzt nicht mehr gefragt. Studiengänge melden sinkende Anmeldezahlen. Berufsbegleitende Weiterbildungen zum CSRD-Manager, zur ESG-Analystin, zur Nachhaltigkeitscontrollerin verlieren Teilnehmende. Für den DACH-Raum liegen noch keine aggregierten Zahlen vor, die Beobachtung in der Branche ist aber konsistent: Wenn Absolvent\*innen keine Stellen finden, spricht sich das schnell herum, nicht über Presseberichte, sondern über Alumni-Netzwerke.

Dahinter steckt ein selbstverstärkender Mechanismus. Die bildungsökonomische Forschung liefert uns zu diesem Punkt Evidenz: Die Nachfrage nach Studienfächern reagiert mit ungefähr drei Jahren Verzögerung auf Arbeitsmarktsignale (Long et al., 2015). Der Abbau in den Unternehmen setzt sich damit in den Hörsälen fort. Die Kompetenzbasis für den beschlossenen Umbau schrumpft. Nicht aus mangelnder Notwendigkeit, sondern weil das Signal des Arbeitsmarkts gerade das Gegenteil des Bedarfs erzählt.

## Was folgt daraus

Nachhaltigkeit ist keine Add-on-Kompetenz. Sie ist die Kernkompetenz für eine Wirtschaft, die eine reale Transformation vor sich hat: nicht die berichtete, sondern die betriebliche. Dafür braucht es Menschen, die verstehen, was hinter den Zahlen steht, die Wesentliches von Kosmetik unterscheiden und die Transformation im eigenen Unternehmen verhandeln können. Solche Menschen entstehen nicht spontan, wenn der Bedarf wieder anerkannt wird. Sie entstehen über Jahre: durch Ausbildung, durch Einstiegsstellen, durch Übung.

Die kurze Hochphase war nicht die Übertreibung, als die sie die Backlash-Erzählung behandelt. Sie war der einzige Moment, in dem die Wirtschaft ansatzweise ernst gemacht hat mit dem, was sie seit fünfundzwanzig Jahren behauptet. Wer jetzt Kompetenz abbaut, verwechselt das vorläufige Ende einer Berichtspflicht mit dem Ende der Aufgabe. Die Aufgabe fängt aber gerade erst an.

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## Literatur

Banerjee, S. B. (2008). Corporate social responsibility: The good, the bad and the ugly. *Critical Sociology, 34*(1), 51–79\. [https://doi.org/10.1177/0896920507084623](https://doi.org/10.1177/0896920507084623?ref=sustainability-skills.academy)

Bertelsmann Stiftung. (2026). *Unternehmen in Deutschland setzen immer stärker auf die Green Economy — Green Jobmonitor*. [https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2026/unternehmen-in-deutschland-setzen-immer-staerker-auf-die-green-economy](https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2026/unternehmen-in-deutschland-setzen-immer-staerker-auf-die-green-economy?ref=sustainability-skills.academy)

Council of the European Union. (2026, 24\. Februar). *Council signs off simplification of sustainability reporting and due diligence requirements to boost EU competitiveness* \[Press release\]. [https://www.consilium.europa.eu/en/press/press-releases/2026/02/24/council-signs-off-simplification-of-sustainability-reporting-and-due-diligence-requirements-to-boost-eu-competitiveness/](https://www.consilium.europa.eu/en/press/press-releases/2026/02/24/council-signs-off-simplification-of-sustainability-reporting-and-due-diligence-requirements-to-boost-eu-competitiveness/?ref=sustainability-skills.academy)

Draghi, M. (2024). *The future of European competitiveness — A competitiveness strategy for Europe*. European Commission. [https://commission.europa.eu/topics/competitiveness/draghi-report\_en](https://commission.europa.eu/topics/competitiveness/draghi-report%5Fen?ref=sustainability-skills.academy)

Elkington, J. (2018, 25\. Juni). 25 years ago I coined the phrase „triple bottom line“. Here’s why it’s time to rethink it. *Harvard Business Review*. [https://hbr.org/2018/06/25-years-ago-i-coined-the-phrase-triple-bottom-line-heres-why-im-giving-up-on-it](https://hbr.org/2018/06/25-years-ago-i-coined-the-phrase-triple-bottom-line-heres-why-im-giving-up-on-it?ref=sustainability-skills.academy)

Europäische Union. (2021). Verordnung (EU) 2021/1119 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 30\. Juni 2021 zur Schaffung des Rahmens für die Verwirklichung der Klimaneutralität („Europäisches Klimagesetz“). *Amtsblatt der Europäischen Union, L 243*, 1–17\. [https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX%3A32021R1119](https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX%3A32021R1119&ref=sustainability-skills.academy)

GeoSphere Austria. (2026, 1\. Juli). *Hitze-Bilanz Juni 2026: Eine Hitzewelle für die Rekordbücher*. [https://www.geosphere.at/en/news-and-events/news/geosphere-austria-heat-balance-report-june-2026-a-heatwave-for-the-record-books](https://www.geosphere.at/en/news-and-events/news/geosphere-austria-heat-balance-report-june-2026-a-heatwave-for-the-record-books?ref=sustainability-skills.academy)

Letta, E. (2024). *Much more than a market*. Council of the European Union. [https://european-research-area.ec.europa.eu/documents/letta-report-much-more-market-april-2024](https://european-research-area.ec.europa.eu/documents/letta-report-much-more-market-april-2024?ref=sustainability-skills.academy)

LinkedIn Economic Graph. (2025). *Global Green Skills Report 2025*. LinkedIn Corp. [https://economicgraph.linkedin.com/research/green-skills-resources](https://economicgraph.linkedin.com/research/green-skills-resources?ref=sustainability-skills.academy)

Long, M. C., Goldhaber, D., & Huntington-Klein, N. (2015). Do completed college majors respond to changes in wages? *Economics of Education Review, 49*, 1–14\. [https://doi.org/10.1016/j.econedurev.2015.07.007](https://doi.org/10.1016/j.econedurev.2015.07.007?ref=sustainability-skills.academy)

Milne, M. J., & Gray, R. (2013). W(h)ither ecology? The Triple Bottom Line, the Global Reporting Initiative, and corporate sustainability reporting. *Journal of Business Ethics, 118*(1), 13–29\. [https://doi.org/10.1007/s10551-012-1543-8](https://doi.org/10.1007/s10551-012-1543-8?ref=sustainability-skills.academy)

NL Times. (2025, 3\. November). ABN Amro cuts 67 jobs from its sustainability expertise unit; 18% of team. [https://nltimes.nl/2025/11/03/abn-amro-cuts-67-jobs-its-sustainability-expertise-unit-18-team](https://nltimes.nl/2025/11/03/abn-amro-cuts-67-jobs-its-sustainability-expertise-unit-18-team?ref=sustainability-skills.academy)

Strategy& / PwC. (2022). *Empowered chief sustainability officers*. Strategy&. [https://www.strategyand.pwc.com/m1/en/functions/esg-strategy/empowered-chief-sustainability-officers.html](https://www.strategyand.pwc.com/m1/en/functions/esg-strategy/empowered-chief-sustainability-officers.html?ref=sustainability-skills.academy)

The Sustainability People Company, EY & Haufe. (2024). *Sustainability People Report 2024*. [https://www.ey.com/content/dam/ey-unified-site/ey-com/de-at/insights/sustainability/documents/ey-sustainability-people-report-nh-edition.pdf](https://www.ey.com/content/dam/ey-unified-site/ey-com/de-at/insights/sustainability/documents/ey-sustainability-people-report-nh-edition.pdf?ref=sustainability-skills.academy)

Trellis. (2025a, 6\. März). Sustainability pros join jobless ranks as ESG priorities shift. [https://trellis.net/article/sustainability-pros-join-historic-jobless-ranks/](https://trellis.net/article/sustainability-pros-join-historic-jobless-ranks/?ref=sustainability-skills.academy)

Trellis. (2025b, 6\. November). Unilever sustainability chief Rebecca Marmot steps down. [https://trellis.net/article/exec-move-unilever-sustainability-chief-steps-down/](https://trellis.net/article/exec-move-unilever-sustainability-chief-steps-down/?ref=sustainability-skills.academy)